Die Präsidentschaftskandidatin stellt sich den Delegierten auf dem EGÖD-Kongress vor

Mette Nord

Kannst du uns ein wenig von dir erzählen?

Mein Name ist Mette Nord. Ich habe kürzlich meinen 60. Geburtstag gefeiert und bin Präsidentin von Fagforbundet in Norwegen.  Wir haben über 367.000 Mitglieder und organisieren Arbeitnehmer/-innen in allen öffentlichen Diensten. Meine Heimatstadt ist Porsgrunn.  Sie liegt zwei Autostunden von unserer Hauptstadt Oslo entfernt, und ich wohne dort noch immer mit meinem Ehemann. Ich habe zwei Kinder, drei Stiefkinder und drei, bald vier, entzückende Enkelkinder, mit denen ich so viel Zeit wie möglich verbringe.  Ich bin examinierte Krankenschwester und habe einen Abschluss in Gesundheitsökonomie. Ich habe in einem Pflegeheim gearbeitet, bevor ich meine Tätigkeit als hauptamtliche gewählte Gewerkschaftsvertreterin aufgenommen habe.

Wie bist du zur Gewerkschaftsbewegung gekommen?

Als ich meine Ausbildung zur praktischen Krankenschwester begann, lag es auf der Hand, sich einer Gewerkschaft anzuschließen.  Als wir eine neue Vertretung in dem Pflegeheim wählen sollten, in dem ich gearbeitet habe, machte mich jemand darauf aufmerksam, und ich wollte mich dieser  Herausforderung stellen. Es ist mir immer darum gegangen, die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten und zur sozialen und beruflichen Entwicklung unserer Arbeitsplätze beizutragen.  Eine dreigliedrige Zusammenarbeit und Kooperation  sind von wesentlicher Bedeutung, um dies zu erreichen und die vollständige Entwicklung der Fähigkeiten und Kompetenzen aller Arbeitnehmer/-innen zu gewährleisten. 

Welche Positionen hattest du bisher in der Gewerkschaft?

Ich war gewählte Vertreterin in meinem Betrieb sowie in den lokalen und regionalen Vertretungen von Fagforbundet. Im Jahr 2009 wurde ich Vizepräsidentin der Gewerkschaft, und von 2009 bis 2013 war ich auch stellvertretende Abgeordnete für die Arbeiterpartei im norwegischen Parlament.  Im Jahr 2013 wurde ich Staatssekretär des Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, und im selben Jahr wurde ich zur Präsidentin von Fagforbundet gewählt. In diesem Jahr werde ich bei den Kommunalwahlen in Porsgrunn als Kandidatin der Arbeiterpartei antreten. In all meinen Funktionen hatte ich sowohl politische als auch organisatorische Verantwortung und habe viele Verhandlungen auf lokaler und nationaler Ebene geführt. 

Was sind die großen Herausforderungen und die wichtigsten politischen Kämpfe für die Gewerkschaften in Norwegen? 

Die größte Herausforderung war und ist es, so viele Menschen wie möglich in den Gewerkschaften zu mobilisieren und zu organisieren. Nur so können wir unsere Forderungen sowohl in Bezug auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen als auch auf gesellschaftspolitische Themen legitimieren.  Heute haben wir in Norwegen eine konservative Regierung, die – wie sie es nennt – mehr Flexibilität auf unserem Arbeitsmarkt durchsetzen will. In Wirklichkeit bedeutet dies, dass es einfacher wird, mehr Zeitarbeitskräfte einzustellen und die Sicherheit in Bezug auf Gehalt und Arbeitsbedingungen zu verringern.  Konservative Politik ist besonders hart für Frauen, da ihrem Recht auf gleiches Entgelt und einen Vollzeitjob keine Priorität beigemessen wird. Die Rechte der Arbeitnehmer/-innen werden jeden Tag attackiert, und wir erleben eine Zunahme der Ungleichheit in unserem Land. 

Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für die Arbeitnehmer/-innen in Europa?

In ganz Europa müssen wir mehr Arbeitnehmer/-innen in unseren Gewerkschaften mobilisieren und dafür sorgen, dass wir mehr Einfluss bekommen. Unsere Stärke ist, dass wir viele sind und dass wir nicht nur in jedem Land, sondern auch in Europa und international zusammenstehen. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind ähnlich, aber in unterschiedlicher Ausprägung. Die Lösungen sind vielleicht nicht immer die gleichen, aber wir werden voneinander lernen und zusammenarbeiten, um Veränderungen für die Arbeitnehmer/-innen zu bewirken. Wir müssen sicherstellen, dass unsere natürlichen Ressourcen allen in unseren Gemeinschaften zugute kommen und nicht nur einigen wenigen, und wir müssen dies auf nachhaltige Weise und mit Respekt vor unserer Umwelt tun.

Ich möchte zum Kampf der europäischen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes und unseres europäischen Verbandes für ein soziales und nachhaltiges Europa beitragen. Die Klimakrise zu bewältigen und die Menschen und unseren Planeten über den Profit zu stellen, ist von entscheidender Bedeutung.  Es ist wichtig, in öffentliche Dienstleistungen und die Männer und Frauen zu investieren, die sie erbringen. Das ist für viele Beschäftigte gleichbedeutend mit höherem Entgelt und besseren Arbeitsbedingungen. Als Präsidentin des Verbandes werde ich Maßnahmen zur Verringerung der geschlechtsspezifischen Benachteiligung beim Entgelt und bei der Altersversorgung nachdrücklich unterstützen und für die Gleichstellung von Männern und Frauen kämpfen, wie es im Manifest „Breaking with the Past" des EGÖD dargelegt wird. In Norwegen wollen wir, dass die Menschen die Kontrolle über unsere Wasserversorgung und unsere Energieressourcen behalten, und ich glaube, das ist wichtig für alle Länder. Die öffentlichen Versorgungsunternehmen sind entscheidend für die Sicherung vieler hochwertiger Arbeitsplätze und natürlich für die Gewährleistung essenzieller Dienstleistungen für alle unsere Bürger/-innen. Öffentliche Versorgungsunternehmen und öffentliche Dienstleistungen spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Die Privatisierung führt immer zu schlechteren Arbeitsbedingungen und mehr Ungleichheit, ohne dass es gelingt, Wohlstand umzuverteilen oder nachhaltigere Gemeinschaften zu schaffen. 

Besonders beunruhigend sind die Angriffe, die wir auf unsere demokratischen Werte erleben. Wir müssen für unsere Demokratien in Europa einstehen und gegen diejenigen Stellung beziehen, die uns spalten und gegeneinander ausspielen wollen. Eine Zunahme der sozialen Ungleichheit in unseren Ländern und auf unserem Kontinent wird nur zu Gleichgültigkeit oder Extremismus führen.  Wir erleben das Erstarken extremistischer politischer und religiöser Gruppen als Folge von mehr Ungleichheit in unseren Gesellschaften. Diese Gruppen attackieren Frauenrechte, aber sie werden feststellen, dass sich ihnen die Gewerkschaften und unser Verband in den Weg stellen. In der Europäischen Union haben die Austeritätspolitik  und die Vernachlässigung der Interessen der Arbeitnehmer/-innen zum Aufstieg dieser extremistischen Gruppen beigetragen. Es ist jetzt an der Zeit für mehr Fairness gegenüber den Arbeitnehmer/-innen und unseren Gemeinschaften. Um dies zu erreichen, brauchen wir mehr Europa in unseren Gewerkschaften in dem Sinne, dass wir systematischer zusammenarbeiten müssen, um einen Wandel in der EU und anderen europäischen Arenen zu bewirken. Wir müssen die Rechte, die Gesundheit, die Sicherheit und die Arbeitsbedingungen der europäischen Arbeitnehmer/-innen im öffentlichen Dienst schützen und fördern und für eine nachhaltige Zukunft für uns alle sorgen.

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